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BRECHTFESTIVAL AUGSBURG 2013 (8=Ende)

Dies war auch das Ende meiner Serie „My own private Brechtfestival“ in der jungen Welt v. 11.2.:

Stimmen von innen/außen (auch als Audio-Guide)

Wie immer bei einem schwierigen Thema möchte ich wissen, was andere Menschen dazu so denken. Meine mündliche oder schriftliche Frage an mir un-/bekannte Stadtbewohner lautete: Was halten Sie vom aktuellen Brechtfestival? Hier die Ergebisse:

ALEXANDER EDIN, 44, hauptamtlicher Fanbeauftragter des FC Augsburg: „Thema diesmal: der junge Brecht. Warum fühl ich mich nach Durchsicht des Programms trotzdem altbacken?“ DANIELA BEHRENDT, 39, Justizvollzugsbeamtin: „Von dem Festival kriege ich nichts mit, denn ich wohne hier nicht. Aber mit Brecht bin ich praktisch aufgewachsen, ich komme aus Berlin-Ost. Ich liebe vor allem seine Schauspielerinnen. Die waren immer anders als, ja, „normale“ Schauspielerinnen, Käthe Reichel, Agnes Kraus und so.“ FRANZ WAHL, 39, Verkäufer: „Ich find´s irgendwie immer das Gleiche. Wobei, dieses Jahr finde ich die ‚Brecht-Geisterbahn‘ ganz toll.“

CHRISTOPHER KÖHLER, 24, Koch: „Dafür, daß Brecht gesagt hat, das Beste an Augsburg sei der Zug nach München, finde ich es gut, daß Augsburg drüber hinweg sieht.“ CHRISTINE DRAWS, 45, Verwaltungsjuristin: „Ich vermisse das abc-Festival. Das wurde dem ersten München-Pendler Brecht gerecht.“ MARCUS ERTLE, 30, Journalist: „Brecht ist immer dann gut, wenn er subversiv ist. Das Augsburger Brechtfestival läuft ein bisschen Gefahr, sich allein dadurch subversiv zu fühlen, dass man den Bürgerschreck Brecht feiert.“

SVENJA LIPCZINSKY,  24, Studentin: „Ich muß gestehen, daß ich im Moment gar nichts mitbekommen habe, weil ich grade mein Staatsexamen schreibe, über das Drama von Barock bis zur Neuzeit, also Brecht begleitet mich.“ SEBASTIAN LUTZ, 30, Gastronom: „Ausgelutscht.“ MATTHIAS LEIN, 32, Designer: „Es ist gut, daß es das gibt.“

Die Frage an mir un-/bekannte Bewohner anderer Städte lautete etwas anders: Was bedeutet Ihnen Bertolt Brecht?

OLIFR MAURMANN (alias GUZ), 47, Musiker: „Brecht ist mir immer auf den Wecker gegangen. Weil er rechthaberisch ist, oberlehrerhaft, ideologisch verpestet.“ CLAUDIA KNUPFER, 56, Schauspielerin: „Ich finde seine Texte fantastisch, seine Stücke und Gedichte. Er war für die Entwicklung des Theaters total wichtig. Die Stücke sind einfach unglaublich.“ TRINE PAULI, 45, Wirtin: „Brecht war für mich eine Erlösung.“

MATTHIAS HERING, 43, Autor: „Der ist immer schon da. Kaum beschäftigt man sich mit ´nem aktuellen Thema, hat Brecht schon ein Stück drüber gemacht.“ CHRISTIANE LEMBERT, 54, Ethnologin: „Bei Brecht gefällt mir das Umfeld, der Bühnenbildner Caspar Neher, Kurt Weill, seine Frauen. Und er hat ein paar kluge Sätze gesagt.“

Als ich letzte Woche den polnischen Autor Andrzej Stasiuk (52) traf, fragte ich ihn nicht nach Brecht, denn in seinem Buch ‚Dojczland‘ hat er alles dazu gesagt:

„Deshalb ging ich (…) auf die Suche nach dem Brecht-Haus. Nicht daß ich ihn besonders bewundert hätte. Ich war schon vierundvierzig. Als Jugendlicher habe ich die Dreigroschenoper im polnischen Fernsehen gesehen. Meine Eltern meckerten, das sei doch Blödsinn und ich solle umschalten, aber ich blieb bis zum Ende stur sitzen in dem Gefühl, das sei eine Art Rebellion gegen die Älteren. Jetzt aber suchte ich nach seinem Geburtshaus, einfach um mir die Zeit zu vertreiben. Auf dem Rain war es ein bißchen düster. Vor der Hausnummer 7 parkte ein roter Sportwagen. Eine sarkastische Geste des Kapitalismus gegenüber diesem Sohn des Proletariats, der elegante und teure Automobile über alles liebte. Der arme Kerl. Er hätte fünfzig Jahre später geboren werden sollen. Dann würde er an der Volksbühne inszenieren und danach mit seinem Porsche Cayenne Turbo nach Boltenhagen fahren, um über den Strand zu brausen. Oder mit einem BMW Coupé V10 nach Rußland, wo der KGB ihm für Petrorubel ein elegantes Theater kaufen würde.“

Mit dem Satz, den Stasiuk dann anfügt, möchte ich mich aus dieser logischerweise kurzlebigen Kolumne, zu der in meinem Blog ein paar Ergänzungen zu lesen sein werden, mit herzlichen – zu viele Augsburger würden sagen: „mit brechtigen“ – Grüßen verabschieden:

„Künstler sterben immer zu früh.“



BRECHTFESTIVAL AUGSBURG 2013 (7)

Zum Abschluss meiner Privatfeiertage eine Überdosis Musik. Was gibt es Schöneres als bei heftigem Schneefall vorm Fenster alle Platten rauszukramen und im Wohnzimmer Brecht-Vertonungen zu hören? Einiges. Hier ein paar Notizen (die nicht in der in der jungen Welt abgedruckten Serie erschienen).

1. DIE MUTTER („nach dem Buch des Genossen Gorki und vielen Erzählungen proletarischer Genossen“). Musik: Hanns Eisler. Aufnahme der Produktion der Theatermanufaktur in der Inszenierung von Ilse Scheer, 1980. Mit vielen „Lob“-Liedern: Lob des Kommunismus, des Lernens, des Revolutionärs, der Wlassowas, der dritten Sache, der Dialektik. Militärische Musik, jede U-Musik zurechtweisend, dabei natürlich zuviel tapfere Mutter-Musik. Wenn man sowas nicht gewohnt ist, klingt´s, möchte ich behaupten, großartig wie ´ne kalte Dusche.

 (Eine andere Brechtmutter)

Brecht zum Stück: „Für meine Aufgabe hielt ich es, von einer großen historischen Gestalt zu berichten, dem unbekannten Vorkämpfer der Menschheit. Zur Nacheiferung.“ Könnte die Berliner Band inspiriert haben, Mutter sollte Mutter vertonen. Besetzung hier: Masaki Mizuno Trompete, Takashi Ito Horn, Horst Zimmermann Schlagwerk, Rudolf Stodola Klavier. Franz Jung berichtet in seiner Autobiografie „Der Weg nach unten“, die Berliner Aufführung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ sei von Chaos und Streit geprägt und gefährdet gewesen, und Brecht habe sich erst dann zu konstruktiver Arbeit hinreißen lassen, nachdem ihm die Aufricht-Produktion (für die Franz Jung das Stück produzierte) auf den Rat von Helene Weigel hin zusagte, auch sein Stück (bzw. wohl eher das von Mitarbeiter Günther Weisenborn) „Die Mutter“ zur Aufführung zu bringen. So geschehen am 31.1.1932. In das Album legte ich dann einen Artikel, den Stefan Siegert Ende Januar für die jW-Serie „Musik zur Unzeit“ schrieb: „Das Kapital spielt Hanns Eisler“. Siegert beschwert sich da nebenbei, dass der 50. Todestag des jüdischen Kommunisten Eisler 2012 nichtmal annähernd so beachtet wurde wie Richard Wagner im Wagner-Jahr, das jetzt auf uns einschlägt, um dann auf das Jazztrio Das Kapital aufmerksam zu machen, das grade „im Geist Sonny Rollins´, Archie Shepps´, Fred Frith´oder Jimi Hendrix´“ die Doppel-CD „Conflicts & Conclusions“ mit ausschließlich Eisler-Werken veröffentlicht hat.

2. DREIGROSCHENOPER. Musik: Kurt Weill. Die bekanntesten Songs, gesungen von Lale Andersen. Mit Orchester unter der Leitung von Friedrich Schröder. 1957, Baccarola 60048 UU. Während ich die immer wieder unterhaltsamen Schlager höre – die auch Gil Evans gefielen, der für sein 1964er-Verve-Album „The Individualism of Gil Evans“ u.a. mit Wayne Shorter und Elvin Jones eine 9:59 lange Interpretation von „The Barbara Song“ einspielte – frage ich mich, woher ich diese hübsche 10-Inch habe; auch der kleine Aufkleber „3.00 Neckermann“ auf dem Cover hilft mir nicht weiter. Vermutlich aus der Sammlung der Oma eines Freundes meiner Tochter („Niemand will das Zeug, jetzt schmeiß ich´s weg“ – „Nein, bist du wahnsinnig!!!“), aus der mich jedoch „Die Heilsarmee“-DoLP viel mehr begeisterte. Als wir mit dem DJ Hoerspiel Ensemble eines Abends in Dortmund einen Auftritt mit bzw. vor Jürgen Kuttner hatten, schaute sich der Kuttner beim Soundcheck meine Plattenkiste an. Was mich schon etwas nervös machte. Ehe der große Artist Kuttner selbst ein weeenig nervös wurde, als er in meinem Koffer „Die Heilsarmee“ und andere derartige Geschütze entdeckte. Ich hatte natürlich geahnt, dass wir uns verdammt warm anziehen mussten, um an diesem Abend nicht mit dem „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ auf den Lippen unterzugehn. Es sollte viele Jahre später noch besser kommen:

 Die Schweizer wählten die Band der Heilsarmee (Foto:  http://www.heilsarmee.ch/eurovision/) zum Teilnehmer beim Europäischen Song Contest 2013. Dessen Verantwortlichen sofort der Arsch auf Grundeis ging: Die Band dürfe nicht Heilsarmee heißen und nicht in ihren Uniformen auftreten. Worauf der Armee-Pressesprecher verlautbarte, man werde beides zu regeln wissen. Das ist aber mal sicher: Die Truppe wird in jedem Fall besser aussehen als diese Bohlen-Tante namens Natalie Horler, selbst wenn sie im Einteiler mit Kopftuch auftreten sollte, und die Band-die-nicht-Heilsarmee-heißen-darf wird auch jede andere Brass-Bandal-Kapelle noch im Schlaf in den Chiemsee runterspielen.

3. LOST IN THE STARS – THE MUSIC OF KURT WEILL. Eine unfassbar große Platte, die ich immer wieder höre, vom großen Musikinszenator und Ideengeber Hal Willner 1985 für A&M entworfen und produziert, mir vorliegend als Amiga-Übernahme von 1989. Ja, die DDR war so böse wie kein Staat je zuvor, aber sie hatte ein staatseigenes Label, aber lassen wir das. Eine Stunde mit Steve Weisberg, Sting/Dominic Muldowney, The Fowler Brothers/Standard Ridgway, Marianne Faithfull/Chris Spedding, Van Dyke Parks, Schuckett/Butler/Dorough/Shipley/Petersen, Armadillo String Quartett, John Zorn mit „Der kleine Leutnant des lieben Gottes“, Lou Reed, Carla Bley/Phil Woods, Tom Waits, Dagmar Krause, Mark Bingham/Johnny Adams/ Aaron Neville, Todd Rundgren/Gary Windo, Charlie Haden/Sharon Freeman und zuletzt nochmal Van Dyke Parks mit „In No Man´s Land“. Es gibt einen Song auf der Platte, den ich so unerträglich finde, dass ich die Nadel heben muss, nein, Sting ist´s nicht, der es sozusagen nicht wagt, seinen Sting gegen Weill zu erheben. „Lost In The Stars ist ursprünglich der titel des letzten bühnenwerks (1949) von kurt weill, einer musikalischen tragödie im geiste der antiapartheid“ und würdigt in dieser Form „einen komponisten, der es zeit seines lebens sehr ernst nahm, unterhaltende musik zu schreiben“, schrieb Jörg Mischke in seinen Liner-Notes. Auf der Cover-Rückseite eine deutsche Geschichte in Preisen: oben „16,10 M“ wurde mit Kugelschreiber durchgestrichen und mit „5.-“ korrigiert, dann mit einem kleinen Aufkleber nochmal korrigiert: „€ 7,99“.

  Im Album ein Artikel aus der Süddeutschen von Stefan Mayr über Brecht als Lehrling Karl Valentins: „… Aus dem Jahr 1920 existiert eine Fotografie, die Brecht Flöte spielend neben dem Tuba blasenden Karl Valentin und Liesl Karlstadt zeigt. Manche behaupten gar, dass das Trio auf dem Oktoberfest eine Schaubude bespielte. Doch einen Beleg hierfür gibt es nicht. Das Foto ist anlässlich des Sketches „Oktoberfestschau“ entstanden … Brecht hat dabei nie mitgespielt. Warum er dennoch auf dem Foto auftaucht, wird ein Rätsel bleiben.“ Weniger rätselhaft ist, was Franz Jung über Brecht/Weill während der „Mahagonny“-Produktion schrieb: „Dabei beschuldigten sie sich gegenseitig, der eine verhindere nicht nur eine ursprüngliche Leistung des andern, sondern unterdrücke und verwässere sie obendrein … sie sind sich geradezu aus dem Weg gegangen … aber sie haben auch nicht übereinander gesprochen zu Dritten.“

4. DIE DREIGROSCHENOPER. Gesamtaufnahme, 3-LP-Box mit Programmheft und Edition Suhrkamp-Ausgabe. Polydor 1968. Mit u.a. Helmut Qualtinger, Franz Josef Degenhardt, Karin Baal, Berta Drews, Hans Clarin. Musikalische Leitung: James Last. Der von der Sache „nicht sonderlich angetan“ war, schreibt Wikipedia, „er hielt die Musik von Kurt Weill eher für berechenbar als herausragend, hatte dann aber doch Ideen zur Realisierung.

 Sein Werk führte zu Ärger mit Lotte Lenya, der Witwe Weills, welche die Rechte nicht freigeben wollte, weil ein E-Bass den akustischen Bass ersetzen sollte. Sie konnte aber davon überzeugt werden, dass das Werk keinen Schaden nehmen würde.“ Irgendwo im Berg meiner Singles ist eine mit Lotte Lenya vergraben. Aber sie zu finden, würde auch wieder nur zu Riesenärger führen. Den ich gerne in Kauf nehmen würde, wenn er mich zu Lotte Lenya führen würde. So ärgert man sich immer weiter. Bis der Ärger dann zum richtigen Ärger führt.



ZUM GLÜCK

läuft der Stalker in diesem Fall ins Leere. Im Angesicht des kommenden 81. Geburtstags von Johnny Cash schickt uns Block-Abonnentin B. aus P. dieses Foto von ihrem Mann. Um den sie sich verständlicherweise etwas Sorgen macht.

Denn was Dolly Parton eines Tages gebeichtet hat, gilt wohl nicht nur für Frauen: „When I first came to Nashville, I saw Johnny Cash on stage, and I felt everything in the world that a girl could feel.“


SPITZENSATZ (8)

„Ohne Nina Simone zu imitieren, traf Malias feinrassige Altstimme voller Jazz-Feeling den Nerv, sodass die dargebotenen Höhepunkte große Authentizität gewannen, genauso ins Ohr wie unter die Haut gingen.“

Oder gehört das vielleicht doch eher in die Rubrik „Warum Künstler Amok laufen, obwohl´s der Kritiker doch so gut gemeint hat“?

Voten Sie bitte hier: Ja O – Nein O – Twitter O – Ich möchte lieber einen Film sehen O – Warum nicht:

Ich möchte lieber mehr Informationen  O  Verständlich, aber Sie verlassen jetzt den sicheren Sektor:

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Schwarze-Orchidee-id23931556.html



TOPCOVERS DER WELT NR.92

          

(Die Musikredaktion konnte sich nicht einigen.)



BRECHTFESTIVAL AUGSBURG 2013 (6)

In junge Welt erschien am 4.2. ein Teil 2 der Serie, den es hier im Block nicht gab:

EINEN GUTEN SCHNITT MACHEN // My own private Brechtfestival Augsburg (2). Nackte Zahlen mit trockenen Fakten.

Das Augsburger Brechtfestival wurde 2006–08 von Albert Ostermaier verantwortet, der auch die Konzeption dafür erstellt hatte. Nach dem Stadtregierungswechsel von SPD/Bündnis90-Die Grünen zu CSU/Pro Augsburg bzw. von Kulturreferentin Eva Leipprand (Grüne) zu Kultur- und Sportreferent Peter Grab (Pro Augsburg) wurde ­Joachim A. Lang, Abteilungsleiter beim SWR für Sonderprojekte, Musik und Theater, Leiter des Festivals. Die Etats sind in etwa gleich geblieben …

(Ich beende den Artikel mit:) Damit sind die qualitativen Unterschiede nur angedeutet. Und mehr Objektivität dürfen Sie in dieser Serie von mir nicht erwarten.

Der ganze Essay hier: http://www.jungewelt.de/2013/02-04/025.php?sstr=brecht



ES GIBT AUCH KLEINE STÄDTE

mit ner Menge Größe. So hat Sulzbach-Rosenberg

das Literaturhaus Oberpfalz. Mit der Bibliothek von Walter Höllerer. Und vielen anderen nützlichen Sachen, von der Buchhandlung Volkert bis zur Brauereigaststätte Fuchsbeck.

  Fotoquelle: ipernity.com

Außerdem ist man schneller über die Grenze als jemand Clubberer sagen kann. Was ja manchmal nicht unwichtig ist.



WIR BLEIBEN BEIM KENNWORT KRIMINALITÄT

Nicht nur um meinen Block zieht folgende Meldung: „Eine vergewaltigte junge Frau hat sich ein Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 Euro erstritten … das höchste bislang in Deutschland zugesprochene Schmerzensgeld für ein Vergewaltigungsopfer … Das Gericht betonte … Die Frau werde dauerhaft beeinträchtigt sein. Die heute 20-jährige Frau war im Alter von 16 Jahren … entführt, tagelang gefangen und mehrfach vergewaltigt worden. Zur Tatzeit war sie im vierten Monat schwanger …“

Titel zur Meldung in der SZ: „Hohes Schmerzensgeld für Vergewaltigte“.

Moment mal, hohes oder sogar viel zu hohes? Und worauf will der Journalist hinweisen? Dass manche Leute für wenig Arbeit verdammt viel Geld einfahren? Ich frage mich jedoch nur dies: Muss die Frau das versteuern?



DER MANN, DER AM 4.2.1976 AUS DEM FENSTER SPRANG

(+ Knastlesen 4) Zu meiner wichtigsten Permanenzschulung gehört Bayern2Radio, das wird man ja wohl auch noch einmal sagen dürfen. Meine Lieblingssendungen sind „Jazz&Politik“ und „Das Kalenderblatt“; natürlich auch, was die Musikschulung betrifft, Karl Bruckmaiers Nachtausgabe, die kürzlich auf Samstag 23h verlegt wurde, und der Zündfunk, bei welchem ich allerdings nicht selten mein Radio angifte, „jetzt hört´s doch bitte endlich wieder einmal auf mit eurem komischen Gequassel, welches ich nicht einmal vorvorgestern lustig gefunden hätte.“ Was nicht heißt, ich wäre einer, der den ganzen Tag das Gras wachsen hört.

Als gestern das Kalenderblatt anfing, hörte ich ausm Irgendwo gleich eine Stimme, die „freeze!“ sagte. Und das machte ich.

„Was ist das denn jetzt“, murmelte ich.

Aber das Kalenderblatt widmet sich eben nicht nur mehr oder weniger bedeutenden Toten oder historischen Begebenheiten, Erfindungen etc., sondern manchmal auch Großereignissen der jüngeren Vergangenheit.

„Er galt mal als der cleverste Ganove im ganzen Land“, sagte eine gefährlich angenehme Frauenstimme. Ich übertreibe wirklich nicht, hören Sie selbst: http://suche.br-online.de/search?entqr=0&output=xml_no_dtd&client=downloadpodcast_frontend&ud=1&oe=UTF-8&ie=UTF-8&proxystylesheet=downloadpodcast_frontend&site=downloadpodcast_collection&q=ludwig+lugmeier&x=11&y=6

Später ging ich in die JVA zu meiner wöchentlichen Literaturvorlesung. Das Kalenderblatt hatte mir gesagt, welches Buch wir heute durchnehmen sollten:

 Nach einer kurzen Einleitung begann ich auf S. 281 vorzulesen: „Am Morgen des 11. November 1975, als der Prozeß begann, war ich aufgeregt. In der vorangegangenen Nacht hatte ich geträumt, daß ich fliehen würde … “

Ich hatte ein aufmerksames Publikum, von dem ich hoffte, dass es den folgenden Text für immer in seinen Gehirnen speichern würde. Mehrmals betonte ich, dass sie das, was sie da hörten, auf keinen Fall zuhause oder sonstwo nachmachen sollten.

Bei dem Jungen X. war mir bald klar, dass ihn das Buch nicht nur literarisch begeisterte. Der kleine Bandit hatte es trotz seiner jungen Jahre geschafft, sich sowas wie eine gute alte Ganovenehre zuzulegen, weiß der Teufel wie das zugegangen ist, das kann man sich ja nicht im nächsten Supermarkt kaufen, vielleicht hat er nur zu viele Scorsese- und Ferrara-Filme gesehen oder seinem Opa aufmerksam zugehört. Sein Spezialwissen über eine gewisse Sache haute mich um; als hätte er das studiert, sich Bücher in der Staatsbibliothek bestellt und diese exerzerpiert, nachdem ihm klar geworden war, dass er von Wikipedia nur bestenfalls Halbwissen bekommt. Er meinte, so vier Jahre Knast wären sicher mal eine nützliche Erfahrung. Und dabei hatte er – wie gesagt altmodische Schule – auch noch ein Herz. Leider auch ein spürbar großes aggressives Potential und eine Portion Naivität, was ihm früher oder später wohl zu seinen vier Jahren verhelfen wird.

Eine Menge interessanter Themen spülte das Buch heran: Auswanderungswünsche (Schweiz, Tschechien); „ich habe sogar drei gültige Pässe, das freut die Bullen immer besonders“; „ich gehe jeden Sonntag mit meiner Freundin in die Kirche, aber die Bibel lese ich nie, weil ich verstehe die Sprache nicht“; nichts Neues: keiner kennt die Sex Pistols, und wie immer denke ich einen Moment später: ja, wieso auch, wenn man 1996 geboren wurde?; in Tschechien sei die Herstellung von Chrystal legal – glaubte ich nicht – dann sollte ich mich mal genauer informieren…

Zehn Minuten, nachdem ich angefangen hatte, kam das einzige Mädchen dazu. Sie hatte ein Gespräch mit der Sozialbetreuerin gehabt und sie weinte und ich sah, dass kein Wort an sie herankommen konnte. Nach einer halben Stunde taute sie auf. Ihre Tochter kommt demnächst zur Ersten Hl. Kommunion. Ich habe vergessen, sie zu fragen, von welchem Krankenhaus sie damals Hilfe bekam.

Als ich dann durch vier gesicherte Türen endlich wieder abhauen konnte und vor der letzten endlich eine Zigarette anzünden konnte, erinnerte ich mich, dass ich einmal dieses Gedicht geschrieben und in meinem Buch „Nachmittag eines Reporters“ veröffentlicht hatte:

GEFÄHRLICHES LEBEN   für A.N. (´95)

Als das Glück / eines Tages auf meiner Seite war / lernte ich den Schriftsteller / Ludwig Lugmeier / Herkunft Kochel am See bei Penzberg / wo der Hund begraben ist / heute wohnhaft woanders / kennen und wusste aber nur grob / dass er auch einmal / ein erfolgreicher Dieb gewesen ist.

Nach ein paar Bier / traute ich mich / die Frage endlich zu stellen. / Wie kommts eigentlich / dass du zwölf Jahre / und ein halbes / so gut überstanden hast? / Er zuckte nur mit den Schultern. / Ich hätte mich am liebsten / so eine blöde Frage / so saudumm.

Später hat er / in einem Interview was gesagt / das mir sehr gut gefallen hat / dass es genauso gefährlich ist / einen Roman zu schreiben / wie einen Millionenraub durchzuführen. / Ich kann das nicht beurteilen. / Aber das klingt so gut / das muss die Wahrheit sein.



ANDRZEJ STASIUK SAGT

Ich schreibe im Plural, ich mag keine intimen Geständnisse.

Ob er das am Mittwoch, 6.2., im Literaturhaus Sulzbach-Rosenberg sagen wird, weiß ich nicht. Schon eher weiß ich, was ich sagen werde. Natürlich wahrscheinlich nicht das, was Kris Kristofferson einmal gesagt hat: „If you don´t like Hank Williams, Baby, you can kiss my ass.“